Slawistische Festwochen
Im Rahmen der Wiener Festwochen werden im Juni drei Vorstellungen mit slawischem Background gezeigt:
Sorokin: Ljod
MQ Halle G
02.06.10 20:30
03.06.10 20:30
04.06.10 20:30
Dostojewskij: I Demoni
MQ Halle E
03.06.10 11:00
05.06.10 11:00
06.06.10 11:00
Tschechov: Nach Moskau, nach Moskau
MQ Halle E
11.06.10 19:30
12.06.10 19:30
13.06.10 19:30

Vladimir Sorokin: Ljod. (Das Eis)
Ein Schauspiel (für Zuschauer ab 18 Jahren)
Im heutigen Moskau ist eine geheimnisvolle Sekte unterwegs, eine Bruderschaft des Lichts, deren Mitglieder nach anderen Brüdern suchen, um in der Zukunft die falsche Schöpfung neu zu ordnen, was erst möglich sein wird, wenn die 23.000 Lichtbrüder und -schwestern gefunden sind. Zunächst werden harmlose russische Bürger unverhofft von Kollegen, Freunden oder Familienmitgliedern mittels Eispickel getötet, ihre Brust mit Schlägen bearbeitet, und wenn ihr Herz zum Sektenbruder sprechen kann, überleben sie. Ihr Leben wird nie mehr wie vorher sein. Nach dem ekstatischen Herzkontakt erscheinen alle anderen Empfindungen schal. Leider müssen sie noch auf der von Sex und Gewalt verdorbenen Welt bleiben, um andere sprechende Herzen zu finden. Im ersten Teil der Inszenierung sehen wir das schnelle, pralle, verdorbene Leben in einem zweistöckigen Haus, das von den akrobatisch rasenden Spielern, die von Badewannen über Stockwerke hinweg auf Motorräder springen, auch zu Hochbahn, Disco, Tankstelle umfunktioniert wird. Im zweiten Teil sitzen wir im Leben und sehen auf Ort und Dasein der Sekte der Blonden mit Kiefernwald, Vogelzwitschern, Aufmarschgeräuschen. Sorokin und Kornél Mundruczó zeigen osteuropäischen Alltag als einsamen Existenzkampf und totalitären Elite-Traum.

Fjodor M. Dostojewski: I Demoni (Die Dämonen)
Ein Schauspiel-Marathon
Im vorigen Frühsommer lud Peter Stein zu wenigen Aufführungen seiner Inszenierung des zeitgeschichtlichen Romans Die Dämonen von Dostojewski ein. Die Aufführung fand auf seinem Landhaus in Umbrien statt – so wie dieser Roman vorzugsweise auf ländlichen Besitzungen in Russland spielt. Die Zuschauer wurden vom Regisseur und Gastgeber persönlich bewirtet. „Etwas Neues, der früheren Stille so ganz Unähnliches, brach sich Bahn …“ Dostojewskis Roman beschreibt mit vermeintlicher Neutralität eines Chronisten die politischen und intellektuellen Bewegungen im vorrevolutionären Umbruch. Ein biederer Liberalismus der Väter wird von den radikal anarchistischen Söhnen, die in elitärem Solipsismus auch die Sozialisten verachten, unter Feuer gesetzt. Im Zentrum steht der historische Mord an einem Studenten, der sich von den Ideen der Anarchistengruppe entfernt hatte. Dostojewski greift dieses Ereignis auf, um die radikal anarchistischen „Dämonen“ oder „Besessenen“, wie Camus sie später genannt hat, und die Feigheit der Liberalen, die sie hervorgebracht haben, als Ausdruck der politischen Verworrenheit seines Landes zu attackieren.

Anton Tschechow: Nach Moskau, nach Moskau
Ein Schauspiel
NACH Anton Tschechows Drei Schwestern UND Die Bauern VON Frank Castorf
Anton Tschechow verfasste seine großen Stücke auf der Krim. Drei Schwestern zeigt die bürgerliche Welt um 1900 in ihrer Erstarrung. Noch sind die Verhältnisse stabil, das Land und die Privilegien oligarchisch aufgeteilt. Aber ein Gefühl der Nutzlosigkeit hat sich breitgemacht. Die Schwestern wollen arbeiten und an der Zukunft teilnehmen, aber es fehlt an Praxis. Ihre Sehnsüchte gehen in die Ferne: „Nach Moskau, nach Moskau”.
Aber der Dramatiker kannte auch die Situation der Ärmsten des zaristischen Russland genau. In der Erzählung Die Bauern von 1897 beschreibt er scharfsichtig das russische Proletariat: Es schimpft, trinkt, ist derb und rau, analphabetisch und ungebildet, „wie Vieh“. Auch die Bauern zieht es in die Stadt, weil ihnen die Armut dort immer noch besser erscheint als das Elend auf dem Land. Frank Castorf wird beide Texte miteinander verknüpfen. Durch das Gegeneinanderschneiden der Mentalitäten von Entrechteten mit der Lethargie einer immer noch privilegierten, aber sterbenden Gesellschaft wird ein Potential sichtbar, aus dem eine Revolution wurde und das einen Ausblick auf das 20. Jahrhundert eröffnet.




